Zeit-Loser
Da landet doch neulich zwischen Roulettehauptgewinn und Viagrafamilienpackungshinweis eine Nachricht in meinem Emailkasten, die mich ein wenig überrascht hat.
Schreibt da doch der Herr K. aus N., dass er aufgrund außergewöhnlicher weihnachtlicher Real-Life-Ereignisse längere Zeit nicht dazu gekommen sei, sich in seine virtuelle Welt einzuklinken. Und gerade in dieser Zwangspause sei ihm dann bewusst geworden, was für eine Zeitverschwendung dieses Onlinegame eigentlich wäre und was er stattdessen mit all der Zeit hätte anfangen können.
Die rückblickende desaströs anmutende Selbsteinschätzung gipfelt in dem wortwörtlichen Satz: "Was hätte man die letzten Jahre lernen können (persönliche Fähigkeiten), hätte man nicht so exzessiv gespielt?"
Werter K. aus N.,
es tut mir leid, dir mit meiner folgenden Antwort ein wenig den Schmerz deiner Selbstkasteiung lindern zu müssen.
Zuallererst würde ich den Begriff der Zeitverschwendung ein wenig abweichend definieren. Verschwendete Zeit erfahre ich am Bahnhof, wenn mir ein krächzender Lautsprecher in zu einem fröhlichen Ratespiel anregenden Wortfetzen mitteilt, dass ich die nächste Stunde stehenderweise auf einem windigen Bahnsteig meine Nieren dem Versagen nahebringen werde.
Zeitverschwendung ist es, wenn ich nur eben mal die Zähne mitsamt mir zur Jahresinspektion bringen wollte und mir das überfüllte Wartezimmer davon kündet, dass die Zahnarzthelferin die Zeitfelder ihres Wochenplaners so mit Namen überfrachtet hat, dass mir im direkten Vergleich dazu der Beipackzettel eines Arzneimittels so großzügig beschrieben erscheint wie die Schlagzeile einer reißerischen Tageszeitung.
Du meinst etwas anderes. Du verwechselst Zeitverschwendung mit Freizeit.
Solange du nicht Schule, Beruf oder Kaffeefahrten schwänzt, um in den Genuss deiner Lieblingssoftware zu kommen, ist das eine klassische Freizeitbeschäftigung, wie alles andere auch. In meinen Augen sogar noch einen Tick besser als zum Beispiel das von Kartoffelchipsvernichtung begleitete Fernsehdauerglotzen oder die biergestützte Leberkonditionierung in der Kneipe um die Ecke. All dies sind bewusst, und hoffentlich ohne Gewaltandrohung von allzu einnehmenden Gildenfreunden, wahrgenommene Tätigkeiten, welche einzig der Entspannung unserer "Seele" dienen. Man mag bei all den eben genannten Freizeitbeschäftigungen darüber streiten können, wann das zeitliche und somit gesundheitsschädigende Maß überschritten wird. Aber solange keine vernachlässigten Angehörigen den Hungertod erleiden oder dein mangels Bewegung anwachsender Bauchumfang die Armlehnen deines Sessels sprengt, sehe ich persönlich darin keinerlei besorgniserregende Tatsache.
Aber du wolltest ja eigentlich auf etwas anderes hinaus.
"Was hätte man die letzten Jahre lernen können..."
Du bist also des Glaubens, dass du im Falle des Nichtkonsums eines MMORPG stattdessen etwas gelernt hättest?!
Was und wie muss ich mir da und das vorstellen?
Abends nach der Arbeit hättest du lieber die kleine Menschenkunde aufgeschlagen und im Selbststudium bis jeweils Mitternacht Onkologiewissen en masse angehäuft, um diesen Planeten eines Tages vom Krebs zu befreien? Oder hättest du auf der Volkshochschule im Abendkurs Birmanisch gelernt, um den dortigen Mönchen bei ihrem steinigen Weg zur Demokratie als Kugelfang Unterstützung angedeihen zu lassen? Oder vielleicht an den Wochenenden den Flugschein gemacht, um den selbst ernannten Weltsheriffs bei der schwarzpulverorientierten Befriedung befreiungsunwilliger Länder geholfen?
Ohne dich persönlich angreifen zu wollen, aber Menschen, die bestrebt sind ein großes Ziel zu erreichen, lassen sich von Haus aus nicht von ebendiesem Ziel abbringen. Und schon gar nicht durch bunte Bildpunkte hinter Glasscheibe oder Plastik. Phlegmatische Zellverbindungen hingegen, wie wir beide und 99% der restlichen Menschheit es nun einmal natur- oder selbstgegeben sind, würden allerhöchstens den Elan aufbringen und sich über die Art und Inhalt der Zeittotschlägerei Gedanken machen.
Denn egal, ob du nun Häkeln, Segeln, Altgriechisch oder eben Groupen und Raiden lernst, werden damit gleichermaßen deine persönlichen Fähigkeiten erweitert.
Wo ist also der Unterschied?
Denn alle diese Beschäftigungen sind zeitfressender und natürlich egoistischer Natur und wenn sie nicht gerade einem beruflichen oder ehrenamtlichen Zweck zugutekommen, können sie dir niemals das schlechte Gewissen an deinem übermäßigen Lebensgenuss nehmen.
Entweder lernst du damit zu leben oder du lässt tatsächlich soziale Tatkraft in dein Leben Einzug halten.
Im letzteren Fall hättest du nicht nur meinen Respekt sondern auch meine Anregung, dass du dich einmal als Erfinder versuchen könntest. Wobei ich schon zwei Ideen für dich hätte:
Eine Bahnsteigbodenheizung und ein Terminplanüberfüllungsstromstoßausteiler würden dir meine zutiefst empfundene Hochachtung versichern.
Verdammt!
Da fällt mir ein, vor kurzem wurde doch glatt der erste Bahnhof mit geothermischer Bahnsteigheizung eingeweiht. Da hat wohl jemand vor dir mit dem Spielen aufgehört.
Der Münchner Autor schreibt seit 1998 regelmäßig auf seiner Webseite www.olnigg.de. Für buffed.de kommentiert der Satiriker unter dem Namen „Olnigg der Nörgelork“ regelmäßig die Geschehnisse aus dem wachsenden Online-Rollenspiel-Bereich.
Meiner Meinung nach fängt die Sucht aber erst dann an wenn man anfängt Freunden etc. abzusagen weil man lieber zoggt. Und soweit bin ich zum Glück noch nicht =)
Aber wenn man in der Zeit die man WoW spielt etwas anderes machen würde, würde man logischerweise eher soziale Kontakte pflegen, als wenn man mit eig unbekannten chattet...deswegen hat das Zeitfresserargument schon Hand und Fuß...aber ein guter Artikel
Sicher ist es keine Zeitverschwendung, wenn man sich mit WOW usw vergnügt.
Man befindet sich in seiner Freizeit und da macht jeder, was er gerne möchte.
Und sicherlich ist derjenige erfolgreicher, der mehr Zeit mit seinem Spiel verbringt, als ein anderer.
Problematisch wird es nur, wenn die Grundzeit, also die Zeit, die man mit einem Spiel verbringen muß, um überhaupt einen gefühlten Erfolg zu erreichen, einen recht hohen Wert annimmt.
So ist World of Warcraft unter 3h/Tag kaum zu bewerkstelligen, wobei hier gerade monotone und hochlangweilige Arbeiten dominieren.
Sofern man nicht Ebay frönt, ist eine Stunde Raid nicht unter 1,5h farmen zu bewerkstelligen. Zumal dann noch diese ganze Ruffarmerei zu bewerkstelligen ist, ohne die man eigentlich nicht mehr auskommt.
Und von 19:00 - 24:00 Uhr sind für viele schon normale WOW-Zeiten.
Und 5h/Tag oder 21% eines Tages sind doch etwas viel, zumal man ja auch noch 10h arbeiten, mit An- und Abfahrt, und 6h schlafen muß.
Ein Spiel sollte eigentlich nicht mehr als 2-3h/Tag einnehmen um einen mittleren Erfolg zu gewährleisten.
Und darüber sollte Olnigg vielleicht mal nörgeln.
Dankeschön
Danke für die Lacher, die du mir beschert hast