Ich höre auf
Um es gleich vorweg klarzustellen und bevor auf meine geballten Buchstabenansammlungen allergisch reagierendes Publikum die Sektkorken knallen lässt, sei angemerkt, dass mit dem heutigen Titel keinesfalls meine zukünftige Lebensplanung gemeint ist. "Ich höre auf!" ist vielmehr ein Statement, welches mir spiel- und forenübergreifend mit derselben Regelmäßigkeit begegnet wie Autofahrerinnen, die rot signalisierende Ampeln als Schminkaufforderung verstehen.
Wer kennt sie nicht, die Spieler, welche meinen, sich mit einem letzten theatralischen Posting aus der Community verabschieden zu müssen. Spieler, die es aus Frust oder Unlust weg von ihrem bisherigen Avatar steuernden Freizeitinhalt in eine andere unbestimmte Zukunft verschlägt. Doch nicht immer vollzieht sich dieser Wechsel laberlos. Da wird dann noch ein letztes Mal die bisherige Forenheimat aufgesucht und gleich dem sterbenden Schwan muss der binäre Freitod vor Publikum zelebriert werden.
Um sich einmal die Absurdität solchen Handelns vor Augen zu führen, sei eine Parallele zum realen Leben erlaubt. Nehmen wir einmal an, Sie sind regelmäßig kaufender Kunde der Metzgerei Derbhammer. Eines Tages jedoch entdecken Sie in naher Nachbarschaft eine bessere Quelle für totes Fleisch oder Sie beschließen gar in das vegetarische Lager überzulaufen. Würden Sie jetzt ein letztes Mal Herrn Derbhammer aufsuchen und ihm erklären, dass Sie ab heute nicht mehr bei ihm einkaufen werden? Würden Sie diese Person tatsächlich extra im Laden aufsuchen, sich brav in der Warteschlange anstellen und ihn, wenn Sie an der Reihe sind, darüber informieren, dass Sie ab sofort nichts mehr erwerben werden?
Aber der Wahnsinn geht noch weiter.
Betrachten wir den Inhalt dieser nervigen Ohne-mich-Threads, dann fallen hier zwei Arten von schreibenden Jammerlappen auf. Die einen versuchen ihren Verzicht durch in ihren Augen wohl gewählte Argumente zu begründen. Doch selbst wenn deren Stichhaltigkeit gegeben wäre, bedenken die verantwortlichen Autoren nicht, dass sie mit Wörtern auf Augen stoßen, welche eben noch lange nicht zu demselben Schluss gekommen sind. Denn ein spieleigenes Forum zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es vor allem von Personen frequentiert wird, für die nach wie vor das Positive in ihrer Lieblingssoftware überwiegt. Entsprechend wenig Zuspruch bekommen abweichende Gedankengänge.
Oder einfacher formuliert: Stellen Sie sich vor, Sie ständen in der eingangs erwähnten Metzgerei und würden versuchen die versammelte Stammkundschaft zu überreden, den Fleischbedarf umgehend einzustellen oder ihn wenigstens fortan bei der Konkurrenz zu decken. Ich persönlich tippe darauf, dass Herr Derbhammer mit versteinerter Miene zum unter der Theke liegenden Knochenbeil greifen und dieses in Begleitung der gemurmelten Worte "die Sau werde ich ausnehmen" sorgfältigst zu schleifen beginnen wird.
Der andere Fall in Form eines argumentationslosen und rein aus verunglimpfenden Flames bestehenden MMO-Abschiedsrituals muss gar nicht erst ausführlich besprochen werden.
"Ich weiß ja auch nicht Herr Kommissar. Aber als mich dieser Typ gefragt hat, ob mein Schweinefleisch auch zum Verzehr geeignet sei oder ob es nur als Kurort für die gesamte niederbayrische Fliegenpopulation diene, da muss er gestolpert und mit dem Kopf voran in den Fleischwolf geraten sein."
Ich ahne, was Sie jetzt gegenargumentieren werden: Wie sollen denn die Spieleentwickler sonst erfahren, warum man beschlossen hat, deren Produkt nicht mehr zu konsumieren?
Erstens gibt es da so eine neumodische Erfindung, welche den elektronischen Transport von am Computer erstellten Nachrichten ermöglicht. Von redefaulen Subjekten wird diese auch Email genannt. Zweitens gehen schlaue Weltenmacher zunehmend dazu über, im Rahmen der Accountkündigung in Form von mehr oder weniger freiwillig auszufüllenden Fragebögen die Beweggründe des abspringenden Dauerzahlers zu ermitteln. Und drittens interessiert es Herrn Derbhammer nicht die Bohne, ob irgendeiner seiner Kunden zukünftig seine zwei Paar Wiener woanders kaufen wird, solange genug Neukundschaft nachwächst und der Steakumsatz nicht stagniert.
Ebenso soll eine Unterart des auf den Forenputz hauenden Frustis nicht unerwähnt bleiben: Der Kündigungsandroher.
Er ist sozusagen die halbe Portion des Cancel-Exhibitionisten und lässt seinen Argumenten und Änderungsforderungen stets die drohende Geste eines über dem Kündigungsknopf schwebenden Zeigefingers folgen. Ihm genügt es nicht, nur den Anlass seines Missfallens zu schildern, denn er hat große Defizite im Bereich der Selbstbeherrschung und muss seine bahnsuchende Frustration stets mit erpresserischem Nachdruck krönen.
"Herr Derbhammer! Wenn Sie den Schinken nicht sofort in genießbar anbieten, dann verständige ich das Gesundheitsamt!" - "Ja du Depp, du damischer. Mach das und dann können deine Erben den Sauberfuzzis auch gleich erzählen, dass mein Kühlraum nicht von innen zu öffnen ist."
Originell sind auch die nachtretend Kündigenden. Diese belassen es nicht nur bei einem Forenbeitrag, sondern setzen es sich zum Ziel, mit auch noch Tage danach erstellten Folgenachrichten eine Art Boardbürgerkrieg zu entfachen.
"Sie Herr Derbhammer, haben Sie zufällig meinen Mann gesehen? Er wollte doch heute zehnmal bei Ihnen vorbeikommen und sich über die Geruchskonsistenz ihrer Gelbwurst lustig mach... sagen Sie mal? Ist das ein Ehering, der da aus der Salami herausschaut?"
Ich denke, schön langsam hat auch der dümmste Abschiedsnörgler begriffen, was ich heute mitzuteilen hatte. Und sollten Sie selbst einmal das dringende Verlangen verspüren, irgendwo öffentlich das weinende Lebewohlsagen beginnen zu müssen, dann halten Sie bitte einen Moment inne und versuchen Sie sich das hier Gelesene in Erinnerung zu rufen. Notfalls denken Sie einfach an einen namenlosen und mittlerweile vollständig entbeinten Ex-Kunden.
Der Münchner Autor schreibt seit 1998 regelmäßig auf seiner Webseite www.olnigg.de. Für buffed.de kommentiert der Satiriker unter dem Namen „Olnigg der Nörgelork“ regelmäßig die Geschehnisse aus dem wachsenden Online-Rollenspiel-Bereich.
das ist sowas von auf den Punkt getroffen.....
schade nur, dass die Portäitierten dies nicht erkennen dürften
*sich zurücklehnt und die flame-postings die zun erwarten sind geniessen wird*
Oder lieber: Hey Jungs, morgen zieh ich um. Weil meine Wohnung viel näher an der Arbeit liegt und ich so jeden Tage eine gute Stunde gewinne. Was meint ihr, gehn wir heute nochmal ein wenig feiern, wer weiß, wann wir uns wiedersehen.
@ Genewen (post 68 oder so): du hast meine vollste zustimmung. mehr kann ich dazu auch nicht sagen.
@ Theroas: "fremdwortschwangerste genörgel seit langem" ??? irgendwie hab ich jetzt angst, da mir beim lesen nicht ein fremdwort auffiel...vom wunsch irgendwas nachzuschlagen ganz zu schweigen
@ Walkampf: ist nicht persönlich gemeint, ABER wenn du schon einen auf "rechtschreib-correctness" machen willst, dann schränke dich bitte mit den kommas etwas ein!
ich mag die kleinen putzigen dingerchen auch sehr, zumal mir elendig lange, schwer verschachtelte sätze sehr sympathisch sind, aber dennoch gibt es da so merkwürdige regeln, wo die kleinen häkchen denn nun genau hinkommen...
@ Rest, der meint, sich plötzlich und gegen die übliche gewohnheit, sonstwie gewählt auszudrücken, damit der autor auch wirklich merkt, dass ihr was auf dem kasten habt: LASST ES! merkt sowieso jeder, dass euch eben diese ausdrucksweise so gar nicht liegt. das ganze wirkt maximal lächerlich, teilweise sogar peinlich...
ps: wenn ich richtig informiert bin, heißt es "es steht außer frage" und nicht "bleibt außer frage"
*zurücklehn und die show genieß*
Ich halte Olniggs Beitrag für den besten seit langem, und wer das anders sieht leidet unter zumindest geringer Geltungssucht.....seht her, ich gehe, und alle sollens wissen.
Lieber Herr Olnigg,
es soll tatsächlich Menschen geben, die in einem MMORPG Freunde oder Bekannte finden und die sich dann kollektiv verabschieden wollen.
So ganz ohne Hintergedanken. Diese dermassen durch den Kakao zu ziehen, finde ichmehr als unlustig.
Ich weiß, es sollte "lustig" sein, aber das war es leider nicht.
Schade drum. Schade, dass ich eben Zeit mit dem lesen dieses geistigen Mülls verschwendet habe.
Hoffentlich erlebe ich mal den angekündigten "Freitod" des Olnigg um dann mit Spott und Häme auf diesen Abschied losgehen zu können.
Amen